Emotionale Verfügbarkeit: Wie Sie lernen, einander näherzukommen und nicht länger der Fels in der Brandung zu sein

von Rolf Schreiber

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In der deutschen Kultur gibt es das Konzept des „Funktionierens“. Zuverlässig, effizient sein, nicht jammern, die Fassung bewahren. Diese Eigenschaften werden im Beruf und in der Gesellschaft geschätzt, führen in engen Beziehungen aber oft zu emotionaler Unerreichbarkeit. Ihr Partner klagt über sein Leben, und Sie geben Ratschläge. Ihr Partner weint, und Sie sagen: „Keine Sorge, alles wird gut.“ Ihr Partner wünscht sich Nähe, und Sie fühlen sich unwohl. Emotionale Verfügbarkeit bedeutet, für die Gefühle des anderen (und die eigenen) da zu sein, ohne sich zu verteidigen, ohne alles reparieren oder abwerten zu wollen. Diese Fähigkeit kann und sollte geübt werden.

Der erste Schritt zu emotionaler Verfügbarkeit ist, keine ungebetenen Ratschläge mehr zu geben. Wenn Ihr Partner von einem Problem spricht, sucht er oft nach Mitgefühl, nicht nach einer Lösung. „Mein Chef hat mich heute angepflaumt.“ Ratschlag: „Du solltest dies und das tun.“ Die richtige Antwort: „Wie hat dich das beeinflusst? Erzähl mir mehr. Ich bin für dich da.“ Die deutsche Neigung zu Praktikabilität und Effizienz verleitet uns dazu, sofort zu handeln. In einer Beziehung bedeutet Handeln jedoch zuerst zuzuhören, zu umarmen und Gefühle anzuerkennen. Frag direkt: „Möchtest du, dass ich dir einfach nur zuhöre, oder suchst du Rat?“ Das beseitigt 90 % der verletzten Gefühle.

Der zweite Schritt ist, die eigenen Gefühle zu erkennen. Viele Männer (und Frauen, die in „funktionierenden“ Familien aufgewachsen sind) können Wut nicht von Groll oder Angst nicht von Scham unterscheiden. Sie sagen „Mir geht es gut“, obwohl innerlich alles brodelt. Übung: Frag dich jeden Abend: „Wie habe ich mich heute gefühlt?“ und nenne mindestens ein Gefühl. Nutze eine Liste mit 50 Gefühlswörtern (leicht online zu finden). Die deutsche Sprache ist reich an Nuancen: enttäuscht, verletzt, überfordert. Je genauer du bist, desto leichter wird es dir fallen, mit deinem Partner darüber zu sprechen. Und reden bedeutet, ansprechbar zu sein.

Der dritte Schritt ist, sich verletzlich zu zeigen. Zu sagen: „Ich habe Angst, gekündigt zu werden“ oder „Ich schäme mich, dass ich nicht mehr verdiene“, ist beängstigend. Doch genau diese Worte schaffen Nähe. Solange Sie die Maske der Kontrolle tragen, spürt Ihr Partner eine Mauer. Sobald Sie einen Riss zeigen, kann er oder sie eintreten. Fangen Sie klein an: Geben Sie eine kleine Angst oder Unsicherheit zu. Beobachten Sie die Reaktion. Wahrscheinlich wird Ihr Partner Sie nicht auslachen, sondern erleichtert aufatmen: „Ich habe auch Angst.“ Und Sie werden feststellen, dass Sie im selben Boot sitzen. Gerade in deutschen Paaren, wo äußerer Erfolg wichtig ist, wirkt diese Übung besonders heilsam.

Der vierte Schritt ist, die Gefühle anderer zu tolerieren. Wenn Ihr Partner wütend ist oder weint, versuchen Sie nicht, ihn oder sie zu „beruhigen“. Beruhigen bedeutet oft: „Hör auf zu fühlen, ich fühle mich unwohl.“ Seien Sie einfach da. Sagen Sie: „Ich sehe, wie sehr du leidest. Ich bin da. Ich gehe nicht weg.“ Versuchen Sie nicht, Ihren Partner zu unterhalten, abzulenken oder ihn zum Lächeln zu bringen. Lassen Sie die Gefühle einfach da sein. Studien zeigen, dass Gefühle durchschnittlich 90 Sekunden anhalten, wenn sie nicht durch Gedanken unterdrückt oder verdrängt werden. Ihre Aufgabe ist es, diese 90 Sekunden gemeinsam durchzustehen. Das ist schwierig, wenn Ihnen als Kind beigebracht wurde, dass Weinen etwas Schändliches ist. Aber es ist eine Fähigkeit, die man entwickeln kann.

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