Das Modell „Das Leben ist ein Marathon, bei dem man rund um die Uhr arbeiten muss“ verliert mit dem Industriezeitalter an Bedeutung. Die Pandemie und die darauffolgende wirtschaftliche Instabilität in Deutschland haben gezeigt, dass Menschen, die nicht wissen, wie sie sich erholen können, schneller ausbrennen und weniger leisten. Deutsche Psychologen sprechen daher immer häufiger von Energiemanagement statt von Zeitmanagement. Es geht nicht darum, den Tag mit immer mehr Aufgaben zu überfrachten, sondern darum, die Energie so einzuteilen, dass man abends nur noch den Wunsch verspürt, zur Ruhe zu kommen. Das Schlüsselprinzip ist dabei Rhythmus, nicht konstante Intensität.
Unser Gehirn arbeitet in 90- bis 120-Minuten-Zyklen – sogenannten ultradianen Rhythmen. Nach jedem solchen Zyklus sinkt die Produktivität auf natürliche Weise. Wer sich weiterhin überanstrengt, dessen Arbeitsqualität verschlechtert sich rapide und die Fehlerquote steigt. Die ideale Strategie: 90 Minuten arbeiten, dann 15 bis 20 Minuten Pause machen. Deutsche Unternehmen, die die Pomodoro-Technik (25 Minuten Arbeit, 5 Minuten Pause) eingeführt haben, konnten ihre Müdigkeit um 40 % reduzieren. Wichtig ist jedoch, während der Pause nicht auf einen Bildschirm zu schauen. Stehen Sie auf, gehen Sie ein paar Schritte, trinken Sie etwas Wasser, dehnen Sie sich oder schauen Sie aus dem Fenster – das tut Ihren Augen gut. Das Gehirn braucht Abwechslung, keine ständige Stimulation.
Die zweite Säule für ein ausgeglichenes Leben ist die strikte Trennung von Arbeits- und Privatleben, auch im Homeoffice. In der deutschen Kultur spricht man von „räumlicher Trennung“. Wenn Sie kein separates Büro haben, richten Sie sich eine Ecke im Zimmer ein, die ausschließlich zum Arbeiten genutzt wird. Wenn Sie fertig sind, klappen Sie Ihren Laptop zu und verstauen Sie ihn im Schrank oder in Ihrer Tasche. Ziehen Sie sich um – Ihr Arbeitshemd aus, einen bequemen Pullover an. Diese Wechselrituale signalisieren dem Gehirn, dass die Arbeit getan ist. Eine der aussagekräftigsten Studien hat gezeigt, dass Menschen, die ihren Arbeitsbereich nicht visuell von ihrem Wohnraum trennen können, ein um 67 % höheres Maß an chronischem Stress aufweisen.
Die Abgrenzung gegenüber Kollegen und Vorgesetzten ist ein sensibles Thema. In Deutschland ist es gesetzlich erlaubt, nach Feierabend nicht mehr auf Nachrichten zu antworten. In der Praxis fürchten jedoch viele, unmotiviert zu wirken. Der Trend ändert sich jedoch: Die jüngere Generation und sogar viele Führungskräfte geben offen zu, dass sie erst am nächsten Morgen eine Antwort erwarten. Um sich abzusichern, nutzen Sie die Funktion „Senden planen“ in Ihrem E-Mail-Programm: Schreiben Sie eine E-Mail, wann immer es Ihnen passt, und sie wird dem Empfänger erst morgen um 9 Uhr zugestellt. Stellen Sie in Messengern Ihren Status auf „Offline bis morgen“. Und ganz wichtig: Überprüfen Sie Ihre Arbeitskanäle nicht vor dem Schlafengehen oder direkt nach dem Aufwachen. Morgenkaffee und Frühstück gehören Ihnen, nicht Ihrem Arbeitgeber.
